Der Mythos ist Geschichte

Land Rover Serie IIa
Land Rover Serie IIa

Mit dem Evoque fand bei Land Rover eine neue Ausrichtung in Bezug auf Funktion und Design Einzug. Mittlerweile sind alle Fahrzeuge in den Modellfamilien dieser unterworfen. Für viele, auch für mich, eine traurige Sache. Denn auch wenn die neuen Modelle schick sind, ansprechend aussehen und für den geübten Designer vielleicht auch etwas ganz Besonderes offenbaren mögen, so gehen sie für mich einfach nur in der SUV-Einheitssuppe unter.

Ja, die neuen Land Rover haben etwas. Davon abgesehen, dass sie so mit Schnickschnacktechnik vollgepackt sind, dass sie für mich keinen echten Geländewagen mehr darstellen, sehen sie gut aus, setzen Trends. Etliche Designelemente wurden bereits von anderen Hersteller übernommen. Aber genau das ist es. Was gut aussieht und gekauft wird, findet sich so oder ähnlich schnell in anderen Fahrzeugen wieder. Ständig stehen sie im Wettbewerb, ständig muss etwas Neues die Aufmerksamkeit wieder auf die Marke ziehen. Was da zum Teil an „Besonderheiten“ rauskommt kann man ja an einigen SUVs aus Frankreich, Japan oder Korea sehen. Übertreibungen. Nicht das Land Rover das passieren muss, aber eines haben sie damit aufgegeben.

Das Einzigartige ist verloren. Sie stehen nicht mehr alleine. Ein Defender und seine Vorgänger, die Serien I-III, waren einzigartig. Es gab kein zweites Auto, welches so aussah. 68 Jahre lang hat dieses Auto stoisch allen Trends, die da kamen und gingen, getrotzt. Das lieben seine Fans. Der Wagen blieb immer funktional und unglaublich wandelbar. Genau dieser Umstand war auch das Werbeargument für Land Rover über viele Jahre: „The world’s most versatile vehicle“. Es gab keinen Grund ihn zu ändern.

Beispiel: Ein eckiges Auto ist im Gelände sehr praktisch. Das wird sich auch nicht ändern. Genauso wie ein Stuhl seit tausenden von Jahren eben immer aussieht wie ein Stuhl. Seine Form und der Nutzen wurden als gut und kaum noch zu verbessern erkannt. Deshalb ändert sich das Aussehen des Stuhls nicht wesentlich. Design-follows-Function, nennt sich das. Der heutige Land Rover Design-Chef Gerry McGovern sagte es einstmals selbst so und fand es scheinbar auch gut: „Land Rover fascinates me more than any other car maker because it has its roots in pure design as opposed to styling.“, bei Land Rover USA nachzulesen.

Heute scheint er anderer Meinung zu sein: Function-follows-Design. Einem Interview mit Gerry McGovern zufolge ist Ratan Tata, der Inhaber von Jaguar Land Rover, dafür verantwortlich. Und natürlich findet das ein Designer gut, hebt es doch seinen Stellenwert. Sogar so gut, dass er für meine Begriffe das im Hause Jaguar Land Rover so hochgehaltene Erbe abwertet: „We haven’t always been known for great design in the past, because we came from a very functional base, the cars looked like they did so they could do what they had to, but that’s what I want us to be known for; design.“ sagte McGovern erst kürzlich einem australischen Automagazin.

Aber Herzen erobert ein Automobilhersteller so nicht. Sondern nur Aufmerksamkeit. Der Mut anders zu sein ist abhanden gekommen. Und wenn jetzt Design bestimmt wie ein Land Rover aussieht, unterwirft man sich Trends, muss ständig nachlegen, um den wechselwilligen Kunden zu halten. Selbst wenn der Hersteller den Trend selber setzt, ist er in dieser Spirale gefangen, nur eben ganz vorne. Die Kunden, die jetzt einen Land Rover kaufen, haben nicht ihr Herz an den Wagen verloren, sondern folgen einem Trend, einer Mode. Dem, was gerade angesagt, „in“ und schick ist. Und das was gerade „in“ ist, wird vom Kunden gekauft, auch bei anderen Marken.

Was Land Rover, bewusst oder unbewusst, mit der Serie und später mit dem Defender geschafft hat, war ein Fahrzeug zu bauen, welches vollkommen ausserhalb dieses Wettbewerbs stand. Ich werde oft von Menschen angesprochen, die mir einen Daumen hoch zeigen, die ein starkes Interesse an dem Fahrzeug haben, die offen sagen sie hätten auch gerne einen oder fuhren mal einen und es tut ihnen weh, dass sie ihn nicht mehr fahren. Kinder bleiben stehen, ziehen ihrer Mutter am Arm und zeigen auf das Auto. Einfach so. Weil es Emotionen weckt. Weil es so anders ist. Weil es zeitlos ist.

Mit diesem Auto kehrte bei mir Ruhe ein. Ich habe seit ich Defender fahre nie mehr das Gefühl gehabt, mich nach etwas anderem umschauen zu müssen. Das Auto fing nie an mich zu langweilen. Das ist mir mit keinem anderen Auto so ergangen. Aber das werden die neuen Land Rover Modelle nicht schaffen. In drei oder vier Jahren sehen sie wieder anders aus, und die Vorgänger sind dann schon vergessen. Das war bei den Serien und dem Defender bis zum Schluß nicht der Fall.

Für mich bedeutet das, dass Land Rover so geworden ist, wie jeder andere Automobilhersteller auch. Sie sind nichts besonderes mehr, sondern nur teuer, modern und schick. Ja, mit sehr guter Allradtechnik, die neuen Fahrzeuge bringen wirklich jedermann im Gelände sehr weit. Es ist immer noch ein „go anywhere vehicle“. Zwar vollkommen ohne Spaß, da der Fahrer im Grunde nicht mehr wesentlich am Gelingen beteilig ist, aber eben sehr weit. Sofern sich jemand mit seinem nagelneuen und teuren neuen Land Rover oder Range Rover überhaupt in das Gelände wagt. Erfahrungswerte, wie gut oder schlecht die ganze Sensorik häufige Fahrten durch das Gelände überstehen gibt es auch noch nicht. Aber für einen Fototermin reicht es sicherlich.

Ich habe kein Problem damit, dass Fahrzeuge für den breiteren Geschmack, voll straßentauglich und mit modernster Technik von Jaguar Land Rover gebaut werden, denn auch sie müssen Geld verdienen. Aber den Luxus sein wichtigstes Erbe, eine kompromisslose automobile Ausnahme, zu hegen und zu pflegen und vor allem fortzuführen, den hätten sie sich leisten sollen. Sie hätten nicht ihre Wurzeln abschneiden sollen. Sie hätten diese Klientel, auch wenn sie wirtschaftlich uninteressant gewesen wäre, bedienen sollen.

Natürlich hätte der Defender verändert werden müssen, das ist ganz klar, die Gesetze verlangen es so. Ich weiss aber, das dies technisch möglich gewesen wäre. Sogar vergleichsweise behutsam. Es wäre auch nicht die erste größere Veränderung gewesen, denken wir an der Sprung von der Serie III zum One-Ten zurück. Zumal niemand Jaguar Land Rover einen Vorwurf hätte machen können, schließlich wären sie dazu gezwungen worden.

Es wird noch eine Zeit lang gut gehen, die Ur-DNA, den Mythos von dem alle Modelle zehren, immer mal wieder zu hervorzuholen und so zu tun als wären die neuen Modelle genauso einzigartig. Die Reborn-Initiative der Land Rover Heritage schickt sich ja schon an, das Erbe zu konservieren. Und auf jeder Präsentation von Land Rover steht auch noch ein Defender herum. Aber die neuen Modelle sind eben nicht so. Nicht annähernd. Die Serien und der Defender sind ein Statement. Welches Statement sollen die neuen Modelle sein? „Ich fahre ein Auto einer Marke, die früher einmal ein Modell hatte, welches ein echter Geländewagen war“? „Ich könnte wenn ich wollte ja im Gelände fahren, tue es aber nicht, weil sonst der Lack zerkratzt“? Um es einmal mit den Worten aus dem Gedicht in diesem tollen Video zu sagen: „My Land Rover has a Soul“. Welche Seele hat ein neuer Range Rover Velar? Der bekannte britische Automobiljournalist Richard Hammond von Top Gear bzw. The Grand Tour sagte einmal in einer BBC Dokumentation über den Land Rover „So let’s get down to the greatness of the Land Rover. … It tells the world nothing about your wallet…„. Auch das ist vorbei.

Ein Mythos muss gefüttert und am Leben gehalten werden, immer wieder. Mit Geschichten wie sie nur eine Camel-Trophy oder etwas wirklich vergleichbares liefern kann. Mit Bildern der vielen Enthusiasten, die alles mögliche und unmögliche mit diesen Autos anstellen, die ihnen Namen geben und sie als Teil der Familie betrachten. Aber das wird es nicht mehr geben. Nicht mit diesen neuen SUVs.

Heutzutage ist der Schein eben wichtiger geworden als das Sein. Es muss so aussehen „als ob“, das Design muss stimmen. Der Rest, naja…ist Geschichte.

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